Nach dem Regen – unterwegs mit dem „Gartenmikroskop“

Der Schauplatz dieses Essays ist der Ziergarten, den meine Frau seit 2017 in Berlins Südosten  angelegt hat.

In den meisten Sommern bisher (3 von 4) herrschte große Trockenheit – wenn nicht gar Dürre! Ein Grundwasser-Brunnen und ein fein verästeltes Betropfungs- und Besprinkelungs-System verhinderten das Schlimmste. Wir haben seither immer  eine Flasche Schampus kalt stehen, die wir öffenen, wenn es so viel geregnet hat, dass der Boden vollständig nass wird. Da das lange Zeit fast nie geschah, haben wir manche Flasche dann eben aus Verzweiflung geleert … ehe sie verdunstet wäre!

Zumindest hat Regen bei uns den Charakter eines besonderen Ereignisses – und Außerirdischen von einem Regenplaneten wird sicher ganz besonders unser dämlich-seliger Gesichtsausdruck auffallen, den wir haben, wenn wir draußen stehen und uns die dicken Regentropfen ins Gesicht klatschen lassen. Das passierte nun endlich in diesem Jahr etwas häufiger.

Nach dem Regen verändert sich die Welt im Garten dramatisch: die Farben werden leuchtender und satter, weil einerseits Blütenstaub von den Pflanzen abgewaschen wurde und andererseits die Luft nun viel klarer ist. Außerdem wird das auf die Oberflächen der Pflanzen fallende Licht nicht nur diffus gestreut, sondern es sitzen Millionen kleiner Linsen auf den Blättern und Blüten, die Das Licht bündeln, beugen und brechen.

Kommt nun die Sonne heraus (möglicherweise erst nach Stunden) hat die Szene ihren großen Auftritt: Myriaden von Tropfen leuchten und glitzern … es ist ein optischer Rausch!

Aber wie soll man das fotografisch „erfassen“? Das „Ereignis“ selbst ist im mikroskopischen Bereich angesiedelt. Wie soll man da in einer Übersicht einer Garten-Szene einfangen, was der Mensch als Betrachter ja eigentlich erst in seinem Gehirn aus dem physikalischen Ereignis und der physiologischen Reizkette als „Impression“ komponiert?

An dieser Aufgabe arbeite ich noch. Ein erstes Ergebnis sehen Sie hier:

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Bild 1: Sonnenaufgang nach nächtlichem Schauer. Quelle: fotosaurier

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Bild 1a: Hier in einer Variante … Quelle: fotosaurier

Meine Sofortlösung lag in dem alten, bewährten Prinzip „pars pro toto“ – deutsch: der Teil spricht für das Ganze!

Ich lasse mich auf Augenhöhe an die pflanzlichen „Gartenbewohnern“ heran und studiere ihren äußeren und inneren Kosmos, in der Hoffnung, dass in der Summe der Bilder sich das GANZE im Betrachter zusammensetzt.

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Bild 2: Frauenmantel – der Pedant unter den Bodendeckern: versuche mal, ihm eine Lücke in den Perlenschnüren nachzuweisen … – Quelle: fotosaurier

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Bild 3: Polyantha-Rosenblüten – viele meiner Aufnahmen entstehen sehr früh am Morgen bei sehr flachem Streiflicht – Quelle: fotosaurier

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Bild 4: Rittersporn (Wildform) – diese Schönheit ist nur ca. 12 mm lang – Quelle: fotosaurier

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Bild 5: Lilie – diese Blüte hat ca. 100 mm Durchmesser – Quelle: fotosaurier

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Bild 6: Blatt des Phlox (rosa) hat die vermutlich niedrigste Oberflächenspannung in unserem Gartenreich – Quelle: fotosaurier

Wie und wo, sich Tropfen in welcher Gestalt auf Blättern, Stengeln und Blüten finden, hängt von physikalischen Größen ab (ja: und auch ein bisschen physikalische Chemie ist dabei…): Oberflächenspannung, Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Geometrie bestimmen die Form und Größe des Wassertropfens und den Aufenthaltsort und schließlich bestimmen die physikalisch-optischen Brechungsgesetze des Lichts die Erscheinung.

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Bild 7:  Jeder einzelne Tropfen projiziert ein Bild der Pflanze selbst und der umliegenden Gartenlandschaft! Hier an der Hartriegel-Scheinblüte – Quelle: fotosaurier

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Bild 8: Am Wild-Rittersporn – die Kleinsten haben den größten Auftritt –  Quelle: fotosaurier

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Bild 9:  Bild des Gartens bis zum Horizont … in einem Wassertropfen am rosa Phlox – Quelle: fotosaurier

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Bild 10:  Wasser-Kugellinsen projizieren Brennpunkte des Sonnenlichtes auf das Blatt am Frauenmantel – Quelle: fotosaurier

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Bild 11: Das Blatt des Spier-Strauches trägt „Brillianten“ – Der Wassertropfen als Lupe vergrößert die Blatt-Härchen, auf denen der Tropfen schwebt – Quelle: fotosaurier

Die Vielfalt der Kompositionen, die sich daraus ergeben, ist – in Verbindung mit Jahreszeit, Tageszeit, Wetter und den Möglichkeiten des Fotografen oder der Fotografin – unendlich groß: Wenn Du in Deinem gesamten Leben an jedem Tag nur in Dein begrenztes Gärtlein gehst und fortografierst, wirst Du nie zweimal dasselbe Bild machen! (… ja eine Variante des berüchtigten Flusses  … !)

Wenn man sich dies alles lange genug betrachtet, kommt man unweigerlich zu dem Schluss: das passiert nicht nur alles passiv mit den Pflanzen – was da passiert, folgt auch einem Plan der Pflanze, die also eine Absicht verfolgt!

  • Die Blätter sollen die Wassertropfen in Richtung auf den eigenen Wurzelkreis ableiten;
  • Die Atmungs-Schlitze auf der Blattunterseite sollen nicht überflutet werden;
  • Die Blüte will ihren Blütenstaub trocken halten;
  • Es sollen Insekten zum Trinken nahe der Blüte angelockt werden.

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Bild 12: Blatt des Agapantus – leitet alles in seinen Wurzelstock – Quelle: fotosaurier

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Bild 13: Akelei-Blatt – Sie hält ihr Blatt perfekt trocken – Quelle: fotosaurier

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Bild 14: Blumenhartriegel – Trinkhalle für Insekten – Quelle: fotosaurier

Eine der offensichtlichsten physikalischen Einflussparameter ist die Oberflächenspannung, denn sie bestimmt sehr viele einzelne Eigenschaften der Tropfen:

  • Der Winkel, der sich zwischen der Blattoberfläche und der Tropfenoberfläche bildet,  bestimmt, wie der Tropfen uns als lichtbrechende „Linse“ erscheint: als perfekte Wasserkugel oder als flacher oberflächlich glänzender See.
  • Die Haltedauer der Tropfen an der Pflanze: bleibt der Tropfen fest sitzen bis er verdampft ist oder läuft das Wasser bei der leisesten Erschütterung ab?

In den nächsten beiden Bildern sehen wir eine Blüte, die ihre Strategie von der Phase der Knospe (hier viele fingerförmige Knospen als Rispe angeordnet!) zur Blüte drastisch ändert – es ist die Zuchtform der Montbretie:

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Bild 15: Knospen-Rispe der Montbretie – zieht sich das Wasser an, wie einen Handschuh!  – Quelle: fotosaurier

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Bild 16: Blütenrispe der Montbretie – hält ihr Pulver (=Blütenstaub …) trocken! – Quelle: fotosaurier

Die Knospen-Rispe zieht sich die Regennässe vollflächig über, wie einen Handschuh (sehr niedrige Oberflächenspannung). Die Blüte entfaltet sich mit hoher Oberflächenspannung zum Regenwasser und hält so die Tropfen auf sicheren Abstand zum duftenden Sekret in ihren Blütentrichtern.

Zu solchen Zwecken sind die Pflanzen Meister der Komposition von Oberflächentexturen und chemischen Molekülstrukturen, die die Wechselwirkung mit dem Medium H2O präzise nach ihren Bedürfnissen regeln.

Alle naturwissenschaftlichen Betrachtungen beiseite lassend, tauchen wir aber schließlich in einen schier endlosen Mikrokosmos der Formen, Farben und Lichtbeugungen ein – der schließlich in fast abstrakten Kompositionen hoher Suggestivkraft enden kann:

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Bild 17: Rosenblüte nach einem Schauer – Quelle: fotosaurier

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Bild 18: Rosenblüte nach leichtem Schauer – Quelle: fotosaurier

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Bild 19: Tulpenblüte nach einem kräftigen Schauer  – die Blüte hat sich unter dem Gewicht der Tropfen zur Seite geneigt – Quelle: fotosaurier

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Bild 20: Funkien-Blatt, vom Dauerregen „geflutet“ – Quelle: fotosaurier

Wassertropfen in der Natur können außer vom Regen auch von anderen Wetterphänomenen gebildet werden:

  • Tau
  • Nebelkondensation (nicht dasselbe wie Tau – sieht völlig anders aus!)
  • Rauhreif und schmelzendem Rauhreif

Das ist jeweils ein eigener Mikrokosmos – der jeder für sich neue Bilder schafft.

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Bild 21: Hier zur Erinnerung ein Bild mit Tropfen aus Nebelkondensation aus meiner Altweibersommer-Serie – Quelle: fotosaurier – Links: Altweibersommer2016, Altweibersommer2017, Altweibersommer2020

Aber auch Regen ist nicht gleich Regen! Die Bilder, die ich bisher gezeigt habe, stammen meist vom frühen Morgen oder Vormittag – nach einem nächtlichen Schauer. Das war hauptsächlich bedingt durch das hiesige Wettergeschehen im Berlin-Brandenburger Raum.

Nach zwei Tagen ununterbrochenem Landregen (den hatten wir 30./31.10.2020) sieht der Tropfen-Kosmos völlig anders aus:

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Bild 22: Rosenblätter nach Dauer-Landregen – Quelle: fotosaurier

Während nach kurzer Regendauer am Rosenblatt meist das Wasser völlig abperlt, und dann (kleinere) Tropfen am Blattrand nach unten anhängen, sitzen hier viele dicke Tropfen AUF dem Blatt. Den netten „Beifang“ (kleine Schnecke am Blattstiel, kaum größer als die Wassertropfen) nimmt man natürlich gerne mit: die habe ich erst auf dem Bild am PC entdeckt. So geht es auch oft mit Insekten, die sich unbemerkt und bereitwillig genau in der Schärfezone meiner Bilder aufhalten!

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Bild 23: Rosenstängel nach Dauer-Landregen – Quelle: fotosaurier

Auch beim Stengel der Rose ein ähnliches Bild: während nach Regenschauern die Tropfen ausschließlich unten am Zweig hängen, sitzen sie hier fast ausschließlich oben auf dem Stengel. Bei dieser Rosensorte ist sogar das Blatt jetzt schon völlig durchnässt – das Wasser perlt gar nicht mehr ab.

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Bild 24: Rosenknospen nach Dauer-Landregen – Quelle: fotosaurier

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Bild 25: Ausschnitt von Bild 18: wenn man ganz genau hinsieht, haben die Netze der Baldachin-Spinne die 2 Tage Dauerregen überlebt!- Quelle: fotosaurier

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Bild 26: „Regentropfenspieße“ bis zum Abwinken … mehr geht fast nicht in die Seggen-Blüte hinein – Quelle: fotosaurier

Wie ist meine Arbeitsweise bei dieser Art der Fotografie?

Alle Aufnahmen entstehen frei Hand – ohne Stativ. Das IBIS der Kamera hat einen wesentlichen Anteil am Erfolg – aber auch die benutzte Iso-Einstellung von 800, bei der ich die Dynamik des Sensors vollständig ausnutzen kann!

Nur relativ wenige meiner Regentropfenbilder entstehen im gezeigten Ausschnitt – sehr viele Bilder sind Ausschnitt-Vergrößerungen, teilweise bis dicht an die 100%-Darstellung. Sehr viele der gezeigten Kompositionen sind erst beim Durchmustern der 100 MP-Bilder entstanden. Die Nutzung der Fujifilm 100 MP-Kamera (GFX100) hat einen entscheidenden Anteil an der Entstehung dieser Bilder. Und der Zufall hat dadurch eine wichtige Rolle in meiner Regie bekommen! Ich will nicht verhehlen, dass das Durchforschen der mikroskopischen Welten in den 100 MP-Bildern ein Vergnügen ganz eigener Art ist.

Ich verwende dazu das Fujinon GF 120mm-Makroobjektiv  – und die Fähigkeit der Kombination von Digitalsensor und Objektiv, den Raum im Schärfebereich auch bei 100%-Vergrößerung noch sehr plastisch darzustellen, hat einen großen Anteil an dem Vergnügen! Die Kombination dieser Kamera und des Objektives nenne ich „mein Gartenmikroskop„.

Zum Schluss ein Tipp: es müssen nicht immer Myriaden von Wassertropfen sein, die ein beeindruckendes Bild erschaffen. Manchmal gilt auch: „Weniger ist mehr!“:

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Bild 27: Ein einzelner Tropfen an einer Dahlienblüte! – Wow! – Quelle: Fotosaurier

Und noch ein Tipp:

Für Werbefotos wird im Studio selbstverständlich die Methode angewendet, die Pflanzen, Früchte (und Menschen?) mit der Sprühflasche anzusprühen. Ich kann Hobby-Fotografen nur davon abraten: man sieht den Unterschied zu natürlichem Regen, Tau etc. (ich verrate nicht, woran man es sieht! Sie kommen sicher selbst darauf …).

Ich mache das nicht … ebenso wie ich nie mit einem Blitz arbeite – nur mit natürlichem Tageslicht!

Copyright fotosaurier, Herbert Börger, 10. November 2020

 

 

 

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