100 Jahre ERNOSTAR-Objektiv von Ludwig BERTELE

Vor knapp 9 Jahren, 2016, erschien mein Artikel „Die ERNOSTAR-Objektive – Geniestreich eines 23-jährigen?“ als erster Beitrag in diesem Blog. So gesehen geht die Existenz dieses Blogs „fotosaurier.de“ quasi unmittelbar auf das Wirken L. Berteles zurück! Ich bezog mich auf dem Zeitstrahl damals auf das Alter Berteles zum Zeitpunkt der Markteinführung des ERNOSTAR-Objetives (Herbst 1924).

Bild 1: Mein Ernostar 10cm 1:2 aus einer Ermanox-Kamera (die diffusen Punkte in der Frontlinse sind kein Staub, sondern LUFTBLASEN in der grossen, dicken Linse!) – Quelle: fotosaurier

Ich hätte auch schreiben können: „… Geniestreich eines 20-jährigen.“ Denn der am 25.12.1900 geborene, junge Optikrechner hatte seine Ideen für ein lichtstarkes Foto-Objektiv bereits im Oktober 2021 hinterlegt (Prioritätsdatum im GB-Patent !) – während die Ernemann-Patentanmeldung (ohne Erfinder-Nennung) von 1922 datiert. 1923 kamen dann Ermanox-Kamera und das erste ERNOSTAR 10cm f/2.0 auf den Markt. Am 5.10.1925 erschien schließlich eine Publikation von Bertele zu seiner Optik-Innovation „Ernostar 1:1,8 und 1:2,0“ in der „Central-Zeitung für Optik und Mechanik“. Das ist der 100-jährige Zeitpunkt, auf den ich mich hier und heute willkürlich (aber immerhin belegbar) festgelegt habe. Zu diesem Zeitpunkt war bereits eine Vielzahl von Varianten und Modifikationen der Optik entstanden, geprüft und zum Teil auch heraus gebracht worden – z.B. das 85mm 1:1,8 in 1925.

FYI: I sell this lens now – look at this link, if you are interested: https://www.ebay.de/itm/146918733234 .

100+ Jahre Ernostar

Somit wären über diesem Artikel hier auch die Überschriften „104 Jahre Ernostar“ oder „101 Jahre Ernostar“ gerechtfertigt … wenn ich den Zeitpunkt der ersten patentrechtlichen Beurkundung oder der Markteinführung gewählt hätte.

Firma Ernemann war Ende 1925 immerhin noch eine bedeutende selbständige Weltfirma für Still-Kameras und Film-Projektoren in Dresden (die Silhouette des turmförmigen Ernemann-Firmengebäudes wurde später als Logo der DDR-PENTACON-Marke gewählt …). Ein höchst innovatives Familienunternehmen.

Bild 2: Der Turm des Ernemann-Gebäudes in Dresden als PENTACON-Logo – nostalgische Erinnerung an das Unternehmen Ernemann – Quelle: fotosaurier

Ein Jahr nach meinem Bertele-Ernostar-Blogbeitrag erschien (2017) ein Buch über Ludwig Bertele als Mensch und sein Wirken als Ingenieur, verfasst von dessen Sohn Erhard Bertele /1/. Dies empfehlenswerte Buch enthebt uns der Aufgabe, die biografischen und beruflichen Aspekte des Ludwig Bertele hier zu vertiefen. Allerdings bleiben trotz der familiären Nähe des Autors zum Protagonisten einige Fragen offen – wie der Autor auch frei bekennt … eben das uralte „Vater und Sohn“-Thema: als der Sohn schließlich erkennt, welcher Gigant sein Vater in seinem Arbeitsbereich war, kann er ihn nicht mehr fragen!

Inzwischen ist darüber hinaus ein extrem detaillierter Artikel über die Ernostar- und Sonnar-Objektive von Marco Kröger im großartigen Blog https://zeissikonveb.de/start/objektive/normalobjektive/sonnar.html /2/ erschienen.

Der umfangreiche Blog-Artikel Maco Krögers erlaubt es, das Wirken dieses Mannes in der geometrischen Optik für die Firmen Ernemann und Zeiss-Ikon detailliert nachzuvollziehen: von den ersten Ernostar-Entwürfen des noch nicht einmal volljährigen Autodidakten über das Sonnar bis zum Biogon. Es ist eine Hymne auf das frühe Schaffen Berteles (14 Jahre bei Zeiss Ikon) – aus meiner Sicht neben Pierre Angénieux eines der beiden dominierenden Genies der Foto- und Film-Optik des 20. Jahrhunderts.

Auf die sehr speziellen Aspekte der Verbindung Ludwig Berteles mit Zeiss Ikon werde ich in einem zweiten Artikel eingehen. Schon 1926 ging Ernemann unternehmerisch in der vom Zeiss-Konzern beherrschten „Zeiss Ikon A.G.“ unter. Die Zeiss Ikon war eine Kartellbildung zur Unzeit: sie zerstörte den Wettbewerb unter deutschen Kameraherstellern zur Zeit des technischen Aufstiegs und der Blüte einer neuen Produktgattung. Was als Spätfolge meines Erachtens zum Untergang dieser Industrie in Deutschland in den 1970er Jahren wesentlich beitrug.

Dem Ernostar-Objektiv in dieser ursprünglichen Form und mit diesem Namen (der von Zeiss später nicht weiter gepflegt wurde …) ist nur eine kurze Lebenszeit am Markt vergönnt gewesen, da es zunächst für Plattenkameras (z.T. noch mit Filmpack) konzipiert war – und dieser Kameratyp mit dem Aufstieg der Kleinbildkamera (Leica zuerst!) nach 1926 zügig vom Markt verschwanden.

Daher sind Objektive mit dem Namen „Ernostar“ selten. Das ursprünglich so benannte und von Bertele erfundene Ernostar-Linsenschema hat aber seine Bedeutung bis heute erhalten und ist immer noch präsent. Den Namen ließ Zeiss wohl bewusst untergehen, weil er an die „alte“ Familienfirma Ernemann erinnerte.

Ludwig Bertele hat seiner Innovations-Freude keine Pause gegönnt und hat schon 1929 – dann als Zeiss-Mitarbeiter – den nächsten „Coup“ gelandet: die Weiterentwicklung des Ernostar zum „Sonnar“. Dieser Markenname wird von Carl Zeiss bis heute sorgfältig gepflegt – egal welches Linsenschema sich dahinter wirklich verbirgt … Dem Nutzer kann das egal sein, wenn das Ergebnis exzellent ist – wie es in diesem Falle zutrifft!

Zum Linsenaufbau, dessen technischen Hintergründen und die Weiterentwicklung zum Sonnar verweise ich noch einmal ausdrücklich auf den Artikel von Marco Kröger (Link s.o.)

Die optischen Eigenschaften des Ernostar 10cm f/2.0 im Analog-Kleinbildformat

Es ist ja bekannt, dass die ERMANOX-Kamera, aus der diese Optik stammt mit dem Negativ-Format 4,5 x 6 cm (Platten/Planfilme) arbeitete, an dem sie eine Normalbrennweite war – noch vor dem Erscheinen der Leica mit 24 x 36 mm.

Da die optische Konstruktion aber quasi die Mutter einer Generation von bedeutenden Ernostar- und Sonnar-Kleinbildobjektiven wurde, halte ich es durchaus für gerechtfertigt, hier die optischen Eigenschaften des Objektivs auf dem Kleinbildformat 24×36 (35 mm-Film) zu betrachten. Hätte Herr Bertele damals die Aufgabe gehabt, das Objektiv für das Kleinbildformat zu berechnen, wäre die Konstruktion im Detail sicher etwas anders ausgefallen – und die Leistung der Optik wohl noch besser!

Vor genau 2 Jahren habe ich in meinem Artikel https://fotosaurier.de/wp-admin/post.php?post=2657&action=edit detailliert beschrieben, wie ich die Verwendung der Imatest-Software auf Analog-Film erschlossen habe.

Hier das Ergebnis der Auflösungsmessung auf Analog-Film Agfa APX100:

Dies ist die Kamera-Objektiv-Konstellation:

Bild 3: Ernostar 10cm 1:2 an der Alpa 10d
center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

Das folgende Diagramm zeigt die Auflösung (d.h. den MTF30-Wert!) im Bild-Zentrum (innerhalb 30%, grün), den äußersten Ecken (außerhalb des 75% Bildkreis-Radius, gelb) und der größten Zone des Bildes zwischen Zentrum und Ecke, die bei IMATEST „part way“ genannt wird (graue Linie):

Bild 4: Ernostar- 10cm 1:2, Auflösung auf Analog Film APX100 (entspr. 33 MP)
center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

Die blaue Linie zeigt den (konstanten) Wert der „Nyquist Frequenz“ für diese Meßsituation, d.h. die nominelle Auflösung des Scan-Sensors in dem reflecta Film Scanner „RPS 10M“. Der Messwert LP/PH des MTF30-Auflösungswertes bedeutet „Linienpaare je Bildhöhe“ (engl. „picture height=PH“). Die Nyquist Frequenz entspricht der halben Zahl der Pixel in der Bildhöhe (die hier konkret 4518 Pixel betrug).

Der mit 5.000 dpi gescannte Schwarz-Weiß-Film entspricht in der digitalen Auflösung einem Sensor mit 32-34 Megapixeln – hat also linear (je Achse) zwei Drittel der Auflösung des 60 MP-Sony-Sensors in der Sony A7R4.

Man sieht in allen Bildbereichen selbst nach heutigen Maßstäben gute (Offenblende f/2.0 und f/2.8) bis exzellente Auflösungswerte. Nach dem Anstieg auf die höchste Mittenauflösung bei f/4.0 ist die Schärfe im ganzen Bild über alle Blenden weitgehend konstant – mit sehr geringem beugungsbedingtem Schärfe-Abfall oberhalb der Blende 11. Der Wert von ca. 800 LP/PH in den Ecken bei f/2.0 gilt auch in den 1950er und 1960er Jahren noch als normal.

Das folgende Diagramm zeigt den Hell-Dunkel-Übergang (Kantenschärfe) in der Bildmitte des Ernostar bei Blende 2,8:

Bild 5: Kantenschärfe und MTF-Kurve des Ernostar 10cm 1:2 in der Bildmitte – Quelle: fotosaurier

In der Legende des „Edge profile“ ist zu lesen, dass die Pixelgröße, des Scanners 5,08µ beträgt. Die Breite des Übergangs von 10% zu 90% Schwärzung („rise“) lt. Diagramm ist hier 1,47 Pixel, entsprechend 7,5µ. Das entspricht gerade etwa der Dicke der Filmemulsion des APX100-Filmes!

Die untere Kurve ist die MTF-Funktion. Beide Kurven zeigen, dass das Bild sowohl analog als auch digital sehr zurückhaltend geschärft wurde.

Wir müssen uns hier klar machen, dass es sich um ein sechslinsiges Objektiv (4 Glieder – ein Cooke Triplet mit aufgespaltener Frontlinse!) OHNE VERGÜTUNG handelt. In den großen Frontlinsen waren damals damals noch unvermeidlich LUFTBLASEN eingeschlossen! Wir stehen damit direkt vor der Schwelle der großen Erfolgsgeschichte der Kleinbildkamera ab 1926, die von Konstruktionen wie dem Ernostar und seiner Folgeentwicklung Sonnar entscheidend beeinflußt wurde.

Bild 6: Linsenschnitt des Ernostar 1:2 bei Markteinführung – also vermutlich auch mein frühes Exemplar – Quelle: Deutsches Patent 401.274

Folgend stelle ich dem Ergebnis auf Analog-Film die Auflösungsmessungen an vier verschiedenen Digital-Sensoren gegenüber:

Im Vergleich der Kurven sollten Sie sich auf die blaue Referenzlinie (entsprechend der Nyquist Frequenz) konzentrieren, die bei dem Analog-Vergleich der Auflösungsfähigkeit des Sensors im Scanner entspricht. Um den visuellen Eindruck vergleichbar zu erhalten, habe ich immer die gleiche Auflösungs-Spanne auf der y-Achse mit 4.000 LP/PH beibehalten.

a) Sony A7R2 – 42 MP, Nyquist Frequenz 26528 LP/PH (blaue Linie):

Bild 7: Ernostar- 10cm 1:2, an der Sony A7R2 (42 MP)
center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

Als ich das Ernostar erwarb (2017) war es mit einem M39-Gewinde versehen und die Sony A7R2 mit 42 MP war meine höchstauflösende Digitalkamera – die sehr spezielle Gegenlichtblende bastelte ich aus einem Yoghurtbecher!

Ab 2019 war ich dann in der Lage Auflösungen mit IMATEST zu messen, hier zunächst mit der 42 MP-Sony A7R2:

Bild 8: Ernostar- 10cm 1:2, Auflösung an der Sony A7R2 (42 MP)
center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

Im Zentrum liegt die Auflösung gleichmäßig und konstant ca. 10% über der Auflösung auf Analog-Film. In der Ecke bei Offenblende allerdings nur bei 1/3 des Analog-Wertes! Wir werden sehen, dass dies das größte Problem beim Einsatz des Ernostar (und vieler anderer historischer Objektive!) an Digitalsensoren ist.

b) Sony A7R4 – 60 MP, Nyquist Frequenz 3.168 LP/PH (blaue Linie):

Bild 9: Ernostar- 10cm 1:2, an der Sony A7R4 (60 MP)
center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

Das Ernostar wurde 2017 auf ALPA umgerüstet – wie das ablief, beschreibe ich im vorletzten Abschnitt zum Ende dieses Artikel.

Nun die entsprechende Auflösungsmessung an der 60 MP-Sony-Kamera A7R4:

Bild 10: Ernostar- 10cm 1:2, Auflösung an der Sony A7R4 (60 MP)
center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

In der Bildmitte erreicht das Ernostar hier tatsächlich die volle Nyquist-Auflösung, obwohl ich alle Schärfungsparameter in der Kamera stets bei „Null“ einstellte. Umso drastischer wirkt der Schärfenabfall zur Ecke! Das ist fast genauso schwach wie bei der A7R2 (ca. 60% des Analog-Wertes) und kommt auch nur sehr langsam bei Abblenden hoch. Ebenfalls sehr drastisch der Abfall oberhalb f/11 – hier sogar auch bei den part way- und corner-Werten.

Dieses Bild – flaue Ecken bei Offenblenden und starker Beugungsabfall oberhalb f/11 ist für viele Objektive an der A7R4 leider typisch. Diese Ergebnisse waren für mich ein starker Antrieb dafür, die IMATEST-Messung auf die Analog-Film-Aufnahmen zu übertragen.

Nach der Messung von über 150 historischen und modernen Objektiven – teilweise auch mit Digitalkameras wie Leica M11, Nikon Z7 II und Fujifilm X-H2 kann ich sagen, dass jede Objektiv-Digitalsensor-Kombination eigene Ergebnisse und Artefakte erzeugt. Eine universelle „Archivierung“ der optischen Performance historischer Optiken mittels eines kommerziell verfügbaren Digitalsensors ist nach diesen Erkenntnissen nicht möglich.

Es gibt allerdings auch einige historische, für analoge Filme gerechnete Optiken, die sich am Digitalsensor gleich gut – oder noch perfekter – verhalten.

Die Übertragung der IMATEST-Methode auf Analog Film ist möglich aber extrem arbeitsintensiv, so dass das nicht in der Breite der vielen historischen Objektive leistbar ist – ich habe das mit meinen Möglichkeiten an einigen Highlights versucht und werde das laufend weiter veröffentlichen.

c) Nikon Z7 II – 45 MP, Nyquist Frequenz 2.752 LP/PH (blaue Linie):

Die Messungen an der Nikon Z7 II habe ich mit einer gemieteten Kamera durchgeführt. Das Ernostar mit ALPA-Bajonett wurde mit einem URTH-Adapter angeschlossen. Hier das Auflösungsergebnis

Bild 11: Ernostar- 10cm 1:2, Auflösung an der Nikon Z7 II (45 MP)
center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

Die Nikon Z7 II liegt in den Daten sehr nahe bei der Sony A7R2. Sie hat einen deutlich dünneren Filter-Stack vor dem Sensor und benutzt einen Schärfungsalgorithmus, der den Kontrast bei niedrigen Frequenzen sehr stark (um nicht zu sagen brutal!) erhöht, dafür aber die MTF30 drastisch unterhalb der Nyquist Frequenz hält.

Hier ein Vergleichsbild der Hell-Dunkel-Übergänge mit Ernostar bei f/2.8 an der Sony (links) und der Nikon Z (rechts):

Bild 12: Kantenschärfung und MTF-Funktion des Ernostar bei f/2.8, Sony A7R4 links, Nikon Z rechts – Quelle: fotosaurier

Hier sieht man bei zwei Digitalsensoren , die – lt. Angabe! – beide kein Tiefpassfilter (bzw. Antialiasing-Filter) benutzen, dramatische Unterschiede in den Schärfungs-Algorithmen. So wie die Sony A7R4 gehen alle anderen Digitalkamera-Hersteller, die ich untersucht habe, mit der Schärfung am Hell-Dunkel-Übergang um (auch Leica M11 und alle Fujifilm-Kameras – sowohl X- als auch G-Reihe). Nikon überhöht den Kontrast unter 1.500 LP/PH dramatisch und zwingt den Kontrast gleichzeitig exakt (unabhängig von der Optik!) bei der Nyquist Frequenz in ein enges Minimum (sehr oft bis fast Null!), sodaß die MTF30-Auswertung stets einen MTF30-Wert kleiner als die Nyquist Frequenz ergibt. In manchen Fällen steigt bei höheren Frequenzen der Kontrast wieder über 30% (was Imatest in der Auswertung nicht berücksichtigt). Mir scheint dies eine Art „Software-Anti-Aliasing-Filter“ zu sein. Ich konnte bisher nicht herausfinden, was es für die Bild-Wirkung bedeutet, wenn der Kontrast (MTF) in den Frequenzen zwischen ca. 2.500 und 3.500 so stark gedämpft wird.

In den Ecken wird abgeblendet eine ähnlich hohe Auflösung erreicht wie auf Analog-Film (bei gleich niedrigem Offenblenden-Wert wie an der A7R4).

Die Chromatisch Aberration ist an diesem Sensor der Z7 II gemessen praktisch Null (der dünnste Filtersack aller geprüften Digitalkameras).

Übrigens liegt die Sony A7R2 in der MTF-Kurve näher bei dem Verlauf der Nikon Z7 – aber bei weitem nicht so extrem.

Die Auflösung der Z7 II zeigt außerdem den gleichen dramatischen Absturz der Auflösung bei Abblendung oberhalb Bl.11 wie die A7R4.

Über das eigenartige Schärfungsverhalten der Nikon Z7 II habe ich schon einmal in meinem Artikel https://fotosaurier.de/wp-admin/post.php?post=2632&action=edit in Zusammenhang mit dem Voigtländer Ultron 35mm f/1.7 ausführlich geschrieben

d) Fujifilm X-H2 – 40 MP, APS-C Format (23,4×15,6 mm) mit „Speed Booster ULTRA“ (metabones) Nyquist Frequenz 2.576 LP/PH (blaue Linie):

Bild 13: Ernostar- 10cm 1:2, an der Fujifilm X-H2 (39,8 MP) mit Speed Booster ULTRA (metabones)
center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

Wissen Sie, was ein sogenannter „Speed Booster“ ist? Das System kommt – wie eigentlich alles! – aus dem Instrumentenkasten der Astronomie: dort heißt es „Reducer“. Das Linsensystem reduziert die Brennweite der Basisoptik, hinter die es gesetzt wird – in diesem Falle mit dem Faktor ca. 0,7. Bei gleicher geometrischer Öffnung der Basis-Optik bedeutet das gleichzeitig, dass das kombinierte System eine um eine Blende höhere Lichtstärke besitzt – Ernostar 1:2 + Speed Booster haben jetzt bei voller Öffnung die geometrische Blende 1:1,4 !

Was mich aber zum Speed Booster gebracht hat ist der gleichzeitige geometrische Effekt, dass das Bildfeld der Basis-Optik verkleinert wird während der Bildwinkel erhalten bleibt – so dass der volle ursprüngliche Bildwinkel des Objektivs wie im Kleinbildformat nun auf einen APS-Sensor passt! Ohne den „Booster/Reducer“ würde man mit der APS-Kamera nur einen zentralen Bildausschnitt des Ernostar auf dem Sensor erfassen.

Der kritische Zeitgenosse fragt sich natürlich sofort: na toll – aber die optische Qualität? Das ist ja eine erhebliche „Vergewaltigung“ des Strahlenganges!? Spiegelt das Ergebnis noch die Qualität des ursprünglichen Objektivs wider?

Da ich seit vielen Jahren Erfahrungen mit den „Speed Boosters ULTRA“ von metabones habe, kann ich generell sagen, dass das Prinzip tatsächlich überraschend gut funktioniert – allerdings nur mit dieser zweiten Generation der Speed Booster („ULTRA“ genannt und sechs-linsig) – mit anderen Produkten habe ich weniger gute Erfahrungen gemacht.

Der Kontrast der Optiken ist in der Kombination Objektiv + Speed Booster erhöht – was sich auch an den Auflösungskurven bestätigt zeigt:

Bild 14: Ernostar- 10cm 1:2, Auflösung auf Fujifilm X-H2 (40 MP) + „Speed Booster Ultra“ center, part way (30-76%), corner (>76%) bei allen Blenden – Quelle: fotosaurier

Die Kontrasterhöhung zeigt sich nicht nur in der Bildmitte (grüne Linie) sondern auch deutlich in den Ecken (gelb), wo diese Kombination beim Abblenden wesentlich höhere Auflösungswerte erzielt als an der Sony A7R4 (trotz der geringeren Pixelzahl von 40 MP).

Die Chromatisch Aberration ist mit dem Speed Booster an der X-H2 sehr gering und nur etwa halb so groß (0,2 Pixel) wie an den Sony-Digitalkameras (0,5 Pixel). Das ist ein weiterer Hinweis auf die ausgezeichnete Qualität des „Reducers“.

Auch an der MTF-Kurve am Hell-Dunkel-Übergang kann man die kontraststeigernde Wirkung des Speed-Boosters deutlich erkennen:

Bild 15: Kantenschärfung und MTF-Kurve in der Bildmitte für Ernostar 10cm 1:2 plus Speed Booster ULTRA bei f/2.8 – Quelle: fotosaurier

In der Legende des „Edge profile“ kann man lesen, dass die Pixelgröße des Fujifilm X-H2-Sensors 3,04 µ beträgt. Der Anstieg im Hell-Dunkel-Übergang beträgt laut Grafik 1,04 Pixel ! D.h. dass die Anstiegsbreite hier im Bildzentrum gerade 3,2 µ breit war. Man sieht also, dass wir hier in ultra-präzisen mechanischen und optischen Regionen unterwegs sind!

Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Das Resultat meiner Untersuchungen fasse ich folgendermaßen kurz zusammen:

Für mich ist es begeisternd zu sehen, dass der junge Bertele bereits mit seinem ersten Entwurf eines derartigen lichtstarken Objektivs auch qualitativ derartig gute Ergebnisse erzielt hat!

Das Auflösungsvermögen des Ernostar 10cm 1:2 liegt im Kleinbildformat auf Analog-Film auf dem Niveau sehr guter moderner Optiken (gut bei Offenblende, exzellent ab f/4.0). Trotz der fehlenden Vergütung und der hohen Lichtstärke ist der Kontrast sehr gut und die Verzeichnung mit 0,4-0,6% gemessen noch gering. (Wahrscheinlich ist sie über das ganze Format 4,5×6 cm gemessen , für das es bestimmt war, höher.) Die Chromatische Aberration konnte ich auf dem Schwarzweiß-Film analog ja nicht messen. Allerdings geht sie natürlich in das Schärfe-Ergebnis mit ein.

An den Digitalsensoren gemessen ist die CA gering (0,5 Pixel) – und an dem Nikon-Sensor mit dem dünneren Filterstack ist sie praktisch Null! An der Fujifilm-Kamera mit Speed-Booster liegt die CA genau dazwischen (0,2 Pixel).

In der extrem geringen Auflösung in den äußeren Ecken des KB-Bildfeldes liegt die wesentliche Einschränkung zur Nutzung dieser historischen Optik – was bei vielen Anwendungen möglicherweise aber nicht stört.

Das beste Ergebnis habe ich eindeutig mit dem Speed Booster an der Fujifilm X-H2 erzielt, wo auch die Eckenauflösung bei Offenblende bereits in einem brauchbaren Bereich liegt (wenn auch deutlich geringer als auf Analog-Film).

Der Umbau meines Ernostar-Objektivs auf die Nutzung an Spiegelreflex- und Mirrorless-Kameras:

Mein Exemplar des Ernostar-Objektivs 100mm 1:2,0 …

… erwarb ich 2016 in hervorragendem Zustand ohne die Ermanox-Kamera. Mit seiner Serien-Nr. 150 197 ist es das dritt-früheste in Bezug auf die bei Auktionen aufgetauchten und dokumentierten Objektive (s. https://camera-wiki.org/wiki/Ermanox ) Es war kameraseitig mit einem M39-Gewinde an dem massiven Metalllzylinder versehen worden, in den die Original-Optik eingelassen ist.

Hier sieht man es über den M39/LM-Adapter angeschlossen an der Konica HR:

Bild 16: Ernostar mit M39-Gewinde an der Konica HEXAR RF (der besten Leica, die ich je hatte) … ohne RF-Kupplung ! – Quelle: fotosaurier

In dieser „Konstellation“ – hochlichtstarke 100mm-Brennweite ohne Fokussierkoppelung an den Mischbildentfernungsmesser – gab das fotografier-praktisch natürlich keinen Sinn. Ich habe einzelne analoge Vergleichs-Bilder dadurch machen können, indem ich die Ernostar-Optik über einen präzisen „NEXLEI“-Adapter von Novoflex an der Sony A7R4 in der höchsten Fokussiervergrößerung (12x) scharf stellte und dann das fokussierte Objektiv auf die Sucherkamera umsetzte.

Dabei konnte ich immerhin feststellen, dass das Objektiv schon bei voller Öffnung in der Bildmitte mit dem 90mm f2.0 Apo-Summicron mithalten kann. Das machte mich neugierig.

Ich konnte dieses Objektiv auch schon mit dem NEXLEI-Adapter direkt an der Sony A7RII untersuchen. Da ich inzwischen IMATEST für die Auflösungs-Messung verwenden konnte, erkannte ich, dass am Digitalsensor die Bildmitte tatsächlich überragend ist und 80% der „nativen“ Nyquist-Frequenz (NyFr) des Sensors (2.652 LP/PH) erreicht – aber in den Bildecken stürzt die Auflösung an der 42 MP-Sony-Kamera auf ca. 360 LP/PH ab.

Da ich zufällig den Autofocus-Adapter von TECHART für M-Objektive an E-Mount besaß, konnte ich auch damit Versuche machen:

Bild 17: TECHART Autofokus-Adapter für Leica-M-Bajonett an E-Mount – Quelle: fotosaurier
Bild 18: Ernostar 10cm 1:2,0 adaptiert über den Autofokus-Adapter an der SONY A7R2 – Quelle: fotosaurier

Das funktionierte technisch gut, die Autofokus-Scharfeinstellung im Adapter war sehr präzise – allerdings wäre der filigrane Adapter mit Sicherheit durch das extrem schwere Objektiv (1.290 gr) auf Dauer überfordert gewesen.

Das größte Hindernis sah ich aber in dem dramatischen Schärfenabfall (auch nach Abblenden!) zu den Rändern und Ecken.

Das folgende Bild zeigt die dramatische Abnahme der Auflösung vom Bildzentrum zur Bildecke (Aufnahme mit Sony A7R2 am 05.12.2018):

Bild 19: Auflösung bei voller Öffnung f/2.0 an der Sony A7R4 (42,2 MP) von der Bildmitte (Null auf der x-Achse) bis äußerste Bildecke (100 auf der x-Achse) – Quelle: fotosaurier

Kurz danach stieg ich auf die A7R4 mit 60,2 MP-Sensor um. Damit war das Ecken-Problem im Grunde noch dramatischer.

Schwer vorstellbar, dass dies die konstruktionsbedingten Eigenschaften dieser Optik sein sollten.

Der erste Schritt musste die Nutzung des Ernostar-Objektivs an einer Analog-Spiegelreflex-Kamera sein – der zweite würde dann beinhalten, dass die Auflösung auf einem Analog-Negativ gemessen werden sollte.

Wie ich das gemacht habe, beschreibe ich im Folgenden:

Zum 1. Schritt habe ich zunächst den Abstand des Scheitelpunktes der hintersten Linse von der Filmebene analysiert. Die Analyse ergab, dass nur ein einziges Spiegelreflex-System ein ausreichend kurzes „Auflagemaß“ besitzt, das es erlaubte, noch einen mechanischen Adapter für dieses Ernostar-Objektiv zu realisieren: die Alpa-Reflex ! … die ich „zufällig“ schon besass (eine wunderschöne Alpa 10d)!

Zufällig besaß ich auch eine Schrott-Optik für Alpa-Reflex, aus der nun der Bajonett-Anschluss herausoperiert und an das Ernostar rückseitig angebaut wurde.

Bild 20: Ernostar 10cm 1:2 adaptiert an meine Alpa 10d – Quelle: fotosaurier

Man ahnt schon an diesem Bild, dass es da zum Kamerakörper eng zugeht! Noch besser sieht man das hier:

Bild 21: „Luft“ zwischen Ernostar und Alpa 10d – Quelle: fotosaurier

Der 2. Schritt bedurfte nun einiger Jahre Entwicklungsarbeit – und ich weiß bis heute nicht, ob jemand sowas schon mal gemacht hat.

Das Prinzip ist wie folgt:

Dasselbe IMATEST-Target, das auch mit der Digitalkamera für die Analyse mit IMATEST-Software fotografiert wird, wird hier auf Analog-Film in der Alpa 10d gebannt.

Die Entwicklung erfolgt mit einem klassischen Standardentwickler unter Standardbedingungen: Rodinal 1+25, 8 min bei 20°C.

Bild 22: Imatest-Testchart auf Analog-Schwarzweiß-Film – Quelle: fotosaurier

Das Negativ des Targets wird mit dem Scanner Reflecta RPS 10M bei 5.000 dpi als Positiv eingescannt als Mehrfachscan mit einer mittleren Glättung und stets den gleichen Schärfungsparametern für die USM (Unschärfe-Maskierung) – Scan-Software ist Silverfast 8 (ein Wechsel oder auch nur Update der Software ist wegen der Reproduzierbarkeit der Messergebnisse nicht denkbar!).

Die digitale Bild-Datei hat 30-34 Megapixel, die Nyquist-Frequenz beträgt ca. 2.250 Linienpaare/Bildhöhe.

Die Methode zur Messung der Auflösung mit IMATEST habe ich vor genau 2 Jahren in meinem Artikel https://fotosaurier.de/wp-admin/post.php?post=2657&action=edit detailliert beschrieben.

Die Qualität des Ernstar-Objektives bei Makro-Aufnahmen

Dem Buch von Erhard Bertele /1/ habe ich entnommen, dass die Arbeiten am Ernostar aus Entwicklungen eines lichtstarken Projektionsobjektives mit verbesserter Schärfe hervorgegangen waren. Da liegt es nahe, von dem Objektiv auch im Nahbereich gute Leistungen zu erwarten, zumal es in der Ermanox-Kamera mit einem sehr langen helikalen Auszug ausgestattet war.

Die folgende Aufnahme mit dem Aufnahme-Maßstab von ca. 4:1 habe ich mit dem Ernostar an der Sony A7RII bereits 2016 gemacht. Der darunter stehende Ausschnitt nahe der Bildmitte entspricht in der Bildschirmansicht etwa 45% Vergrößerung (1 Bildschirmpixel entspricht etwa 2 Aufnahmepixeln).

Ich glaube, die Qualität der ansonsten völlig unbearbeiteten Darstellung (keinerlei Nach-Schärfung!) spricht für sich.

Bild 23: Nahaufnahme mit Ernostar 10cm 1:2 etwa 4:1 Aufnahmemaßstab – an Sony A7R2 – Quelle: fotosaurier
Bild 24: Ausschnittvergrößerung von Bild 23 – Quelle: fotosaurier

Herbert Börger

Berlin, 25. Oktober 2025

Literatur:

/1/ Erhard Bertele, Ludwig J. Bertele – Ein Pionier der geometrischen Optik. 2017, VdK Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, ISBN 978-3-7281-3816-3

/2/ Marco Kröger, im Blog „zeissikonveb.de“ – Vom Ernostar zum Sonnar, Ludwig Bertele – Meister der Koma-Korrektur

Die Qualität historischer Angénieux Foto-Objektive – 1. Festbrennweiten 1a. Porträt-Teleobjektiv 90mm f2.5

Autor: fotosaurier, Berlin, 13. Februar 2020

Dieses Objektiv wurde ab 1951 (oder 1954 … verschiedene Angaben) ausgeliefert.

Angénieux90f2,5_900
Angénieux 90mm f2.5 in ALPA-Fassung – Modell Y12 (vier einzelne Linsen)

Für alle, die den Namen Angénieux kennen, gehören diese Objektive zu den legendären historischen Foto-Produkten, die nicht nur zeitgenössisch an der Spitze lagen sondern auch führend und innovativ gegenüber dem Wettbewerb einzustufen waren.

Über Pierre Angénieux und die Firma können sie hier meinen Überblick-Artikel lesen: https://fotosaurier.de/?p=1243sternstunden-der-foto-optik-pierre-angenieux

Soweit das Vorurteil! … aber stimmt das auch? – und was kann man davon anhand von 50-70 Jahre alten gebrauchten Objektiven heute noch feststellen?

Alle Objektive, die ich hier untersuche, besitze ich. Ich will hier nicht mit meinen Testbedingungen langweilen sondern habe das Thema in einen eigenen Artikel „ausgelagert“. Im Prinzip und kurz umrissen: ich fotografiere mit den Objektiven , die ich an die jeweilige Digitalkamera (Sony A7Rm4 oder Fujifilm GFX100 im 35mm-Modus – beide ca. 60 MP) adaptiere, eine Original-IMATEST-Chart (SFRplus) unter möglichst kontrollierten Bedingungen ab und analysiere sie mit der IMATEST-Software. Mehr dazu unter diesem Link.

Als optische Qualitätsmerkmale ziehe ich heran:

  1. MTF-Kurve (MTF-Wert über Frequenz)
  2. Radiale MTF-Verteilung (MTF30-Auflösung über Abstand von der Bildmitte)
  3. Mittlerer, gewichteter Wert MTF20/MTF30/MTF50 (über gesamte Bildfläche)
  4. Kantenprofil und CA (Bildmitte, lokal)
  5. Chromatic Aberration R-G, B-G radial über die gesamte Bildfläche (nur in ausgewählten Fällen)

Als Auflösungswert benutze ich grundsätzlich Linienpaare per Bildhöhe (LP/PH). Die Bildhöhe ist hier immer 24 mm (Querformat). Nach meinen Erfahrungen ergeben die Auflösungswerte der MTF30 den realistischsten Vergleichswert für die allgemeine bildliche Fotografie.

Mein persönliches Interesse liegt dabei hierauf:

  1. welche optischen Leistungen besitzt ein historisches Objektiv?
  2. wie liegt diese im Vergleich zu zeitgenössischen anderen Objektiven?
  3. wie sieht der Vergleich zu den neueren und modernsten Optiken von heute aus?

Auf die Problematik, dass man da bis zu 100 Jahre alte, gebrauchte Objektive gegebenenfalls fabrikneuen, modernen gegenüber stellt, gehe ich in meinem Beitrag zu meinen Testmethoden näher ein. (Nobody’s perfect!)

Ich erstelle diese Testergebnisse bei allen Blenden (bis max. f16) und stelle hier im Vergleich die Auflösung in der gesamten Bildebene für die jeweilsoptimalen Blende“ dar – die natürlich zwangsläufig einen Kompromiss aus verschiedenen Eigenschaften darstellt. Im Laufe der Optik-Geschichte hat sich die für die Auflösung (und deren Konstanz über die Bildebene!) günstigste Blende ständig weiter zu größerer Blendenöffnung (kleinere WERTE) verschoben. Die ältesten Objektive (bis ca. 1965) wurden beim Abblenden meist bis zu Blende 11 immer besser in der Auflösung und Kontrast – in Ausnahmen noch weiter. Allerdings war die „Kantenschärfe“ auch damals meistens schon optimal bei Blende 5,6. Bis in die 80er Jahre liefert dann Blende 8 die beste Auflösung – später Blende 5,6. Heutige (meist asphärische) Optiken können schon bei Blende 2,8 bis 4,0 ihre höchste Auflösung erreichen. Dies habe ich hier berücksichtig und die Test-Blende entsprechend gewählt.

In der linken Spalte jeweils die Auflösung (Linienpaare/Bildhöhe – LP/PH bei MTF30, also dem MTF-Wert bei 30% Kontrast!) über der Distanz von Bildmitte (0)  bis zur Bildecke (100). Die Nyquist-Frequenz des Sensors entspricht stets der Wert 3168 LP/PH (Linien-Paare, nicht Linien!). Zusätzlich zur Auflösungskurve ist die Auflösung bei MTF30 getrennt für tangentiale und sagittale Strukturen als „gewichtetes Mittel“ über die ganze Bildfläche angegeben.

Verwendet wurden handelsübliche Adapter an den Sony-E-Mount – diese sind vielleicht die größte (mechanische) Fehlerquelle innerhalb dieser Tests.

—> Hinweis: Diese Untersuchungen an älteren und gebrauchten historischen Objektiven liefert Messergebnise für das Auflösungsvermögen, Verzeichnung und Chromatische Aberrationen der jeweiligen Objektive unter reproduzierbaren und kontrollierten Beleuchtungsverhältnissen (genormte, reflexfrei beleuchtete Chart). Das bedeutet nicht, das das jeweilige Objektiv unter allen denkbaren REALEN Lichtverhältnissen an der Digitalkamera entsprechend hochwertige Bildergebnisse erzielt – besonders im Gegenlicht können Streulicht und andere unangenehme Effekte auftreten, die bei jedem Digitalsensor unterschiedlich sein können!

Kamera ist hier die Sony A7RMark4 mit 60 MP.

Ich beginne mit meinem ältesten Nachkriegsobjektiv (die Retrofocus-Objektive und die Zooms werden in jeweils eigenen Artikeln besprochen werden):

Angénieux Porträt-Tele 90mm f2,5 von 1951 (Alpa-Anschluß): es ist, wie die meisten der Vergleichsobjektive (Ausnahme Kinoptik und Apo-Macro-Elmarit), auch ein Ernostar-Typ (vier freistehende Linsen) – die Sonnare sind ja auch ein (ebenfalls von Bertele) weiterentwickeltes Ernostar… und das  Olympus sehe ich als eine Art „Hybrid“ aus Gauss-Typ und Sonnar.

Dagegen gestellt:

  1. Ur-Ernostar 100mm f2,0 (1923)
  2. Kinoptik Apo 100mm f2,0 (ca. 1950)
  3. Canon Rangefinder (M39) P 85mm f1,8 (1960)
  4. Zeiss Sonnar 85mm f2,0 (Contarex 1961)
  5. Vivitar Serie1 90mm f2,5 Macro (ca. 1977)
  6. Leitz Apo-Makro Elmarit 100mm f2,8 (1987)
  7. Zeiss Sonnar für Contax G 90mm f2,8 (1994)
  8. Leica M Apo-Summicron ASPH 90mm f2,0 (1998)
  9. State-of-the-art: Sony GM 85mm f1,4 (Spiegellos, E-Mount, 2018)

Sorry – das sind eine Menge Daten – und es sind einige „LEGENDEN“ darunter! Wichtig war mir, die beiden „Rangefinder“-Optiken (Canon M39 und Leica M) mit einzustreuen, da ja eine weitere Legende lautet: Messsucher-Kamera-Objektive sind grundsätzlich besser als die SLR-Optiken…

Für die, denen „Contax G“ kein Begriff ist: Eine geniale, späte (und sehr schöne!) Messsucher-Kamera von Kyocera die (1994!) mit Autofokus ausgestattet war – einige der Objektive dazu gehören zu den besten, die je gebaut wurden – und sogar ein Hologon 16mm wurde dieser Kamera spendiert (eine eigene Legende). Aber Biogon 21mm und Hologon 16mm sind an Digitalsensoren nicht brauchbar (zu kurzer Abstand der letzten Linse zum Sensor – zu flacher Strahleneinfall).

Hier die von mir gemessenen Auflösungsdaten dieser Optiken in einer Tabelle:

Angénieux90 und Co Auflösungsvergleich
Auflösungs-Vergleich Angénieux 90f2,5 mit zeitgenössischen,  jüngeren und älteren Optiken

Wie schon erwähnt sind die MFT30-Auflösungswerte in der Hauptspalte 4 ein gewichtetes Mittel über die gesamte Bildfläche! (Zentrum Gewicht 1, Übergang Gewicht 0.5, Ecken Gewicht 0.25). Angegeben sind bei jedem Objektiv die Werte für Offenblende und die optimale Blende (bei den ältesten und auch beim Angénieux sind das Blende 11, je jünger die Optik, desto weiter geöffnet wird das Optimum erreicht!). Siehe auch Artikel über das Testverfahren.

Da es bei älteren Optiken erheblichen Randabfall der Auflösung gibt, habe ich die Mittelwerte NUR für das Bild-Zentrum und NUR für alle Bild-Ecken (ohne Gewichtungsfaktor!) hinzugefügt (Spalten 5 + 6).

Wenn ein Objektiv nicht perfekt zentriert ist, können am Rand oder in ein oder zwei Ecken ziemlich niedrige Werte auftreten – diese sind in die Mittelwerten hier mit eingegangen – die ziehen also das Gesamtergebnis deutlich RUNTER!

Beruhigend für mich war, dass das modernste Objektiv, das auch noch vom Hersteller für genau diesen Sensor entwickelt wurde (Sony GM 85f1,4) tatsächlich – und schon bei f4,0 – das Beste ist und der Mittelwert bei 98% der Nyquist-Frequenz der 60 MP-Kamera liegt – wofür hätte ich sonst das viele Geld hingelegt? (…auch ist das Objektiv im Zustand ja praktischt neu und wird ohne Adapter benutzt!)

Aber nun zu unserem Kandidaten Angénieux 90mm f2,5:

Der Veteran, der ja bis zu 69 Jahre alt sein könnte, mit Gebrauchsspuren, Putzspuren, Staub in der Optik und einer der ersten „Nachkriegsvergütungen“, erreich im Maximum (f11) einen Mittelwert von 85% Nyquistfrequenz über die gesamte Bildfläche (2.708 LP/BH) und in der von mir gewählten Vergleichsgruppe (praktisch alles Optik-LEGENDEN!) dauert es 26 Jahre, bis ein 90er Objektiv erscheint (VivitarSerie1 90f2,5), das das Angénieux in der Maximalauflösung übertrifft. Das zehn jahre später (1961) herausgekommene Zeiss Sonnar 85mm f2.0 zur Contarex ist in der Auflösung nicht besser – bei Offenblende f2.0 zeigt es eine Schwäche in der MTF-Kurve, die bei sehr niedrigen Frequenzen (links im Diagramm) relativ steil abfällt. Nach dem VivitarSerie1 gibt es in meiner Sammlung erst 40 Jahre später ein Objektiv, das dieses übertrifft! (Das Apo-Makro-Elmarit 100 übertrifft es nur bei Offenblende.)

Die größten Fortschritte in der Foto-Optik wurden seit den 1950er Jahren ganz offensichtlich in der Offenblenden-Auflösung und dem Randabfall (bei niedrigen Blenden) gemacht.

Im Anhang kann man Messkurven  einiger der Objektive ansehen.

Hier die Darstellung der einzelnen Messpunkte bei der optimalen Blende (f11) am Angénieux 90mm. Hier sind die Auflösungswerte am Rand durchgängig (und sehr symmetrisch) etwas höher als in der Mitte:

Angén90f2,5_f11_Multi-ROI_N

Ich habe das neu fokussiert überprüft – offensichtlich ist es kein Zufall sondern in der Schärfe-Ebene tatsächlich reproduzierbar.

Eines der Meßergebnisse am Angénieux 90mmf2,5 ist aber in hohem Maße überraschend für ein Objektiv jener Zeit: die Chromatische Aberration (Farbfehler). IMATEST unterscheidet nicht zwischen Längs- und Quer-Farbfehler sondern misst den in der Bildebene auftretenden visuellen Farbfehler. (Das Apo-Kinoptik kann da nicht im Entferntesten mit halten – es hat einen 20-fach größeren Farbfehler als das Angénieux…)

Hier Vergleichsdiagramme für sechs dieser Optiken (1951 und jünger): das zeitgenössische Contarex-Sonnar hat einen ca. 2,5-fach größeren Farbfehler, das nagelneue SonyGM ist graduell besser .. hier ist allerdings die eigentliche Sensation das VivitarSerie1 mit Farbfehlern nahe Null! Achtung: die Ordinaten-Maßstäbe in den Grafiken sind leider nicht gleich… bitte links auf die vetikale Achse schauen!

Ang90_Vergl_CA1

Ang90_Vergl_CA2

Ang90_Vergl_CA3

Fazit:

Angesichts der guten Auflösungsergebnisse auch über das ganze Bildfeld und der extrem guten CA (nicht nur für diese Zeit) war das Angénieux ein herausragendes optisches Produkt. Die optischen Berechnungsmethoden, die Angénieux während des Weltkrieges entwickelt hatte, sollen ja (manuell!) 10-fach zeitlich effektiver gewesen sein, d.h. dort konnte man in gleicher Zeit 10-mal mehr Varianten berechenen, um die beste Lösung zu finden! Das vorliegende Ergebnis widerspricht dem nicht… Das Modell wurde bis 1968 geliefert (für Alpa alleine – in Fassung „E4“ – wurden 1.500 Stück gebaut). Der Kompromiss, den Angénieux machte, um diese exzellenten Leistungen zu erzielen, lag offensichtlich darin, dass er -1,0% Verzeichnung zuließ! Für ein Portrait-Objektiv kein wirklich großes Problem.

Das Angénieux 90mm f2.5 für Alpa (daher die Alpa-interne-Bezeichnung „Alfitar„) ist der zweite Typ mit 90mm Brennweite: Typ Y12. Es ist ein Vierlinser – 4 freistehende Linsen, Ernostar/Sonnar-Typ – mit einer Nachkriegs-Einschicht-Vergütung. Die Verarbeitung (Voll-Metall-Fassung, vernickelt) ist olympisch und auf ewige Haltbarkeit ausgerichtet. Die Glasflächen meines Exemplars entsprechen im Zustand natürlich dem Alter von fast 70 Jahren – aber gut gepflegt, wenig Putzspuren, kein Schleier.

Gegenüber gestellt sind in der Auflösungs-Tabelle und in Kurven im Anhang (s. unten)  andere Legenden der Foto-Optik im zeitlichen Abstand von jeweils 7 – 20 Jahren bis hin zum State-of-the-Art-Boliden von Sony (2018), der 11 Linsen und Nanobeschichtung (und 11 Blendenlamellen) hat!

Wenn man sich die Auflösungsmessungen an guten Optiken der letzten 100 Jahre ansieht, dann stellt man fest, dass die axiale Auflösungsleistung (Bildmitte)  praktisch auch mit manueller Berechnung  (bis Ende der 1950er Jahre) fast „beliebig“ gut sein konnte – jedenfalls höher als jede analoge Filmemulsion (für normale bildnerische Zwecke) sie jemals ausnutzen konnte. Bei dem fast hundert Jahre alten Ernostar 100mm f2.0 erreicht bei Offenblende die Auflösung in der Mitte bereits die Nyquist-Frequenz der 42 MP Sony A7Rm2.

Der technische Fortschritt in den Linsenkonstruktionen durch neue Gläser und Asphären (bei großen Aufnahmeentfernungen!) drückt sich bezüglich der Auflösung weitgehend an den Rändern und in den Bildecken des Formates vor allem bei Offenblende aus, aber auch darin, dass die optimale Auflösung bei deutlich offenerer Blende erreicht wird. Aber Auflösung ist nicht alles!

Der Fortschritt in der Optik wirkt sich auch in Bezug auf höheren Kontrast bei den niedrigen Frequenzen über die ganze Bildfläche aus. (Zum letzteren trägt erheblich auch die immer raffiniertere Vergütung der Glas-Luft-Flächen bei.) Diese Kontrasterhöhung im niedrigen Frequenzbereich läßt die Bilder „knackiger“ aussehen. In den MTF-Kurven wird dieser Umstand sichtbar dadurch, dass die Kurve nicht von Frequenz Null (Kontrast = 1 ) linear bis zur Nyquist-Frequenz abfällt, sondern DEUTLICH darüber bleibt – sichtbar als „Bauch nach oben“ zwischen 0 und 2000 LP/PH. Moderne Objektive haben in diesem Bereich einen mehr oder weniger langen HORIZONTAL verlaufenden Bereich der MTF-Kurve, der sogar noch über den Wert 1 nach oben gewölbt sein kann (siehe Sony GM 85mm und Apo-Summicron-M 90mm bei Blende 5,6 im Diagramm ganz unten). Das Angénieux 90mm f2.5 besitzt einen sehr ausgewogenen MTF-Kurvenverlauf offen und abgeblendet (damals hatte auch Ang. schon MTF-Messungen eingesetzt!). Einen „Bauch“ in der MTF-Kurve hat sogar schon das alte Ernostar 100 f2.0, und as VivitarSerie1 90mm f2.5 (1977) hat sogar auch schon einen kleinen „Überschwinger“ über den MTF-Wert 1. Es hat außerdem die höchste Auflösung aller Objektive mit 85 – 100 mm Brennweite, die ich bisher gemessen habe (mit Ausnahme des nagelneuen Sony GM 85mm f1.4 von 2018) und dabei Verzeichnung Null und CA nahe Null (über ganze Bildfläche). Ein Ausnahme-Objektiv seiner Zeit (… und massiv wie ein Panzer). Schon Modern Photography hatte es seinerzeit als das „best ever“ gefeiert.

Noch eine kurze Anmerkung zu den drastisch geringeren Ecken-Auflösungen bei Offenblende der Objektive aus den 20er bis 60er Jahren – verglichen mit ihrer hohen zentralen Auflösung. Ecken-Auflösungswerte von 500 – 600 Linienpaaren pro Bildhöhe bedeuten ca. 40-45 Linien/mm in der uns früher geläufigen Zählweise. Wenn man sich Testergebnisse aus den 60er und 70er Jahren ansieht (Modern Photography), so werden dort bei Offenblende Werte von 45 Linien/mm am Rand als „Excellent“ bewertet, selbst im Zentrum erreicht kaum ein Objektiv mehr als 80 Linien/mm. „Minimum-Standards“ (=“Acceptable“) lagen in den Ecken bei 20 – 36 Linien/mm. Nach meiner Auffassung war auf Analog-Filmemulsion die nutzbare Auflösungsgrenze bei ca. 1.200 LP/BH (35mm-Film) – und das entspricht genau 100 L/mm.

Das heißt, auch: die alten Optiken, deren Auflösungswerte bei Offenblende am Rand hier sehr schwach aussehen (Ernostar, Angénieux, Contarex Sonnar), sind damit in der Praxis normaler Bild-Fotografie schon sehr gut.

Anhang:

Angén90f2,5_f2,5_VglN
Angenieux 90mm f2,5 bei f2,5: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

Angén90f2,5_f11_VglN

Ernostar100f2_2,8_Vgl
Ernostar 100mm f2,0 bei f2,8: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

Ernostar100f2_11_Vgl
Ernostar 100mm f2,0 bei f11: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

CtrxSonnar85f2,0_f2,0_Vgl
Contarex Sonnar 85mm f2,0 bei f2,0: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

CtrxSonnar85f2,0_f11_Vgl
Contarex Sonnar 85mm f2,0 bei f11: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

VivitarSeries1-90f2,5_f2,5_Vgl
VivitarSerie1 90mm f2,5 bei f2,5: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

VivitarSeries1-90f2,5_f8,0_Vgl Kopie.png
VivitarSerie1 90mm f2,5 bei f8: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

Apo-SummicronM_90f2_f2,0_Vgl
Apo-SummicronM ASPH 90mm f2,0 bei f2,0: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

Apo-SummicronM_90f2_f5,6_Vgl
Apo-SummicronM ASPH 90mm f2,0 bei f5,6: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

SonyGM85f1,4-MF_f1,4_Vgl
Sony GM 85mm f1,4 bei f1,4: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung

SonyGM85f1,4-MF_f4,0_Vgl
Sony GM 85mm f1,4 bei f4,0: Kantenprofil, MTF-Kurve und Auflösung